Das Einmaleins türkischer Hochzeiten

Eine der häufigsten Fragen, die mir zu deutsch-türkischen Hochzeiten gestellt werden ist: Worin unterscheiden sich türkische und deutsche Hochzeiten? Gleich dahinter folgen die Fragen, ob es für türkische Hochzeiten einen festen Ablauf gibt und ob türkische Väter wirklich allergisch auf einen deutschen Bräutigam für ihre Tochter reagieren. Meine Antworten darauf möchte ich heute mit Euch teilen.

Worin unterscheiden sich türkische und deutsche Hochzeiten?

Abgesehen von der Größe der Hochzeiten und einigen unterschiedlichen Hochzeitsbräuchen ist aus meiner Sicht der markanteste Unterschied zwischen den beiden Hochzeitskulturen folgender: Bei deutschen Hochzeiten steht stets das Brautpaar im Mittelpunkt und die Hochzeit bedeutet in erster Linie für sie allein eine Lebensveränderung. Bei türkischen Hochzeiten hingegen steht das Fest nicht nur für das Zelebrieren des Brautpaares, sondern bedeutet auch die Verbindung zweier Familien. Dadurch ist die Hochzeit im türkischen Kulturkreis auch für die Familien des Brautpaares ein wichtiges Ereignis und vor allem für türkische Eltern die Erfüllung einer Lebensaufgabe. 

Alle Eltern dieser Welt wollen ihre Kinder als Erwachsene glücklich verheiratet sehen, aber tatsächlich ist es so, dass in der türkischen Kultur die glückliche Heirat der eigenen „Kinder“ – inklusive pompöser Hochzeit – als Aufgabe der Eltern verstanden wird. Das rührt daher, dass früher – wie in vielen anderen Kulturen auch – die Eltern den Ehepartner ausgesucht haben. Strategische Verbindungen und gut gewählte Partien waren das A und O, damit die Eltern sich sicher sein konnten, dass ihre Kinder auch in der Ehe gut aufgehoben sind. Dieser verpflichtende Gedanke herrscht in der türkischen Kultur noch heute, obwohl man den Ehepartner gar nicht mehr aussucht. Das birgt natürlich einige Herausforderungen zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern.

Haben türkische Hochzeiten einen festen Ablauf?

Ja, in der türkischen Kultur gibt es eine Reihenfolge von Abläufen und Feierlichkeiten bei Hochzeiten. Die wichtigsten sind:

  • Kιz isteme – der Bräutigam und seine Eltern besuchen die Brauteltern und der Bräutigamvater hält beim Brautvater für seinen Sohn um die Hand der Tochter an
  • Söz kesme – eine kleine Zeremonie die nach dem geglückten Antrag folgt; das Brautpaar in spe tauscht Ringe aus, die ihre Heiratsabsichten symbolisieren
  • Nişan – die offizielle Verlobung mit Verlobungsfest
  • Kιna gecesi – das Fest, bei dem die Braut sich symbolisch von ihrer Familie verabschiedet
  • Gelin alma – die feierliche Abholung der Braut im Haus ihrer Eltern am Hochzeitstag
  • Düğün – das Hochzeitsfest
  • Takι – die feierliche Beschenkung des Brautpaares auf der Hochzeit

Weitere türkische Hochzeitsbräuche mit ihrer Entstehungsgeschichte findet Ihr auch im Beitrag „ABC der türkischen Hochzeitsbräuche„.

Diese Reihenfolge hat noch heute Bestand und jede „Etappe“ ist bestückt mit ihren eigenen Bräuchen, wobei die Bräuche je nach Region in der Türkei etwas voneinander abweichen können. Manche Rituale, z.B. „Söz kesme“, werden heute nicht mehr so häufig umgesetzt, andere wiederum, wie das Handanhalten beim Brautvater, sollten besser nicht ausgelassen werden.

Das die Hochzeitsbräuche und Rituale in der türkischen Kultur noch so stark gelebt werden liegt sicherlich an der oben beschriebenen Lebensaufgabe der Eltern „Kind glücklich verheiraten“ und das die Hochzeit eben als Familienzusammenführung verstanden wird. Viele der Bräuche regeln und unterstützen nämlich genau die Zusammenführung. So stellten die Traditionen sicher, dass die Familien sich durch das „Söz“ behutsam kennenlernen konnten, bevor die Verbindung mit der Verlobung hochoffiziell wurde. Gegenseitige Besuche und gemeinsame Hochzeitsvorbereitungen waren Brauch und gleichzeitig die Grundlage für das Zusammenwachsen der beiden Familien. Auch die Finanzen waren durch die Bräuche geregelt, die Verlobungsfeierlichkeiten übernahm die Brautfamilie und die Hochzeitskosten die Bräutigamfamilie. Man musste nicht über Geld reden, es war alles durch die Bräuche geregelt. Traditionen, die so stark in ein soziales Gefüge einwirken und für Klarheit sorgen, werden dann natürlich auch gern gewahrt.    

Akzeptieren türkische Eltern nicht-türkische Ehepartner?

Ich kenne nicht alle türkischen Eltern 🙂 aber generell würde ich diese Frage mit Ja beantworten. Natürlich gibt es Ausnahmen, wo gibt es die nicht? Ich glaube jedoch, dass bei einer Ablehnung diese nicht immer auf Fremdenhass oder ähnliche Gefühle basieren. In meiner Arbeit mit multikulturellen Brautpaaren habe ich nämlich bei Eltern, die die fremde Kultur ablehnen, eine Gemeinsamkeit erkannt: das Gefühl der Ungewissheit und die Angst vor Identitätsverlust.

Besonders Eltern, die in der Türkei aufgewachsen sind und erst als Erwachsene nach Deutschland gekommen sind, leben türkische Traditionen hierzulande meist noch stärker aus als in ihrer Heimat. Das ist nur zu menschlich. In der Fremde ist die eigene Kultur ein „Raum“ der Sicherheit und das verbindende Glied mit anderen türkischen Auswanderern. Für die eigenen Kinder wünschen sich die Eltern dann natürlich auch diese kulturelle Verbundenheit.

Heiratet das Kind dann aber nicht im eigenen Kulturkreis oder will es die Traditionen nicht wahren, dann entfallen die in der zweiten Frage beschriebenen Rituale. Diese geben aber den Eltern das Gefühl von Sicherheit und dienen ihnen auch als Leitfaden für eine erfolgreiche Zusammenführung der Familien. Aber durch die „fremde“ Kultur ist auch die Zusammenführung beider Familien für die Eltern in die Ferne gerückt und alle Wünsche und Träume für ihr Kind weichen dem Gefühl der Ungewissheit. Wie alle Menschen haben Eltern Angst vor dem Unbekannten und sind beeinflusst von herrschenden Klischees und Vorurteilen. Bei einer Verbindung der Familie mit einer fremden Kultur haben sie schlichtweg Angst, dass sich die Familien nicht verstehen werden, dass das Kind nicht weiß, worauf es sich einlässt, dass es nicht alle Hürden bedacht hat. Die Eltern fürchten schlichtweg, dass das geliebte Kind unglücklich werden könnte und sie gleich mit.
Gleichzeitig befürchten sie, dass durch die multikulturelle Beziehung ihrem Kind die eigene Kultur noch fremder werden könnte, als es vielleicht bereits ist und das bedeutet, dass auch die Enkelkinder entwurzelt und fremd in der eigenen Kultur sein werden. Generationsübergreifener Identitätsverlust, schlimmer geht es nicht. Ja, soweit denken Eltern. Kein Wunder, sie sind Eltern, die Familie ist ihr Lebensmittelpunkt.

In solchen „harten Fällen“ hilft nur Geduld und Kommunikation. Die Kinder müssen dann mit ihren Eltern reden, sie nach ihren Ängsten und Sorgen befragen und diese auflösen, indem sie ihnen erklären, dass sie sich durchaus den Herausforderungen einer multikulturellen Ehe bewusst sind, dass sie auf die Hürden von Kultur und Religion vorbereitet sind und dafür den richtigen Partner an ihrer Seite haben. Es ist ein Anfang und sicher nicht einfach, aber ich habe öfter miterlebt, dass die Eltern letztendlich ihre Ängste abgelegt und ihre Kinder bei deren Entscheidung unterstützt haben, als an ihrer Ablehnung festzuhalten und das stimmt mich zuversichtlich.

Ich hoffe ich konnte mit diesen Antworten ein paar Fragezeichen lösen und vielleicht sogar kulturelle Brücken bauen. Übrigens: Wer mehr zum Thema kulturelles Miteinander und Tipps für den Umgang mit traditionellen Eltern findet Ihr auch im Evet ich will Hochzeitsratgeber „Multikulturell heiraten„.

Pinar

Fotos: Kamer Aktas Photography (von dieser schönen Hochzeit)

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