Damals, wie heute ist die Brautabholung einer der wichtigsten Momente. Denn die Abholung der Braut und das Verlassen des Elternhauses symbolisiert den Beginn eines neuen Lebens.
Früher begannen die Hochzeitsfeierlichkeiten bereits zur Mittagszeit im Hause der Bräutigamfamilie. Zwei Musikanten, ausgerüstet mit Pauke (davul) und Oboe (zurna), spielten für die Gäste und in manchen Regionen veranstaltete man sogar Ringkämpfe (yağlı güreş) nur für diesen Anlass. Während das Pferd oder der Pferdewagen, mit dem die Braut abgeholt werden sollte, geschmückt wurde, erhielt der Bräutigam eine Rasur (
damat traşı) und wurde umgezogen.
War alles bereit, so zog der Bräutigam, mit Trauzeugen, Familie und Musikanten feierlich in Richtung Brautfamilie. Einzig die Mutter des Bräutigams ging nicht mit, sondern wartete auf die Ankunft ihrer zukünftigen Schwiegertochter.
Schon auf dem Weg zur Braut musste der Bräutigam einige Hürden nehmen. Kinder versperrten ihm den Weg und verlangten Wegezoll. Aber auch Körpereinsatz war gefragt, wenn er z.B. einen geölten Pfahl hochklettern und dann mit nur einem Schuss ein Ei in der Ferne treffen musste.
Angekommen bei der Braut, ließ ihn der Bruder der Braut ihn nicht sofort ins Haus eintreten – erst musste er sich den Weg frei kaufen.
War auch dies geschafft, die Gäste bewirtet und die Schönheit der Braut von allen bewundert worden, so war es an der Zeit das Elternhaus zu verlassen. Aber zuvor wurde der Braut von ihrem Bruder oder ihrem Onkel ein rotes Band, „gayret kemeri“ genannt, um die Hüften gebunden. Begleitet von den Musikanten, führten die Geschwister die Braut dann aus dem Haus und setzten sie in den festlich geschmückten Wagen, damit der Hochzeitszug sich wieder auf den Weg zurück, zum Haus des Bräutigams, machen konnte.
Zwei Dinge waren dabei besonders wichtig. Zum einen durfte der Rückweg nicht der gleiche wie der Hinweg sein und zum anderen durfte die Braut beim Verlassen des Elternhauses kein Hab und Gut mehr dort lassen, denn beides brachte Unglück.
Auch der Rückweg wurde dem Paar nicht leicht gemacht, zuerst verlangten Familienmitglieder der Braut Wegezoll, damit der Pferdewagen überhaupt losfahren konnte und auch auf dem weiteren Weg musste der Trauzeuge oft den Geldbeutel zücken.
Heutzutage begleitet auch die Mutter des Bräutigams den Umzug, aus dem Pferdewagen ist eine schicke Limousine geworden und ölige Pfähle muss der Bräutigam nicht mehr bewältigen. Aber viele Traditionen, wie das rote Band, die Musikanten, der feierliche Umzug und Wegezoll sind erhalten geblieben.