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Kina gecesi – ein bittersüßes Fest

06.05.2014 | 0 Kommentare

Die Kina gecesi (Henna Abend) ist eine der ältesten Hochzeitstraditionen in der Türkei. Bei diesem Fest “verabschiedet” sich die Braut im Kreise ihrer weiblichen Verwandten und Freundinnen von ihrem Elternhaus. Das Fest ist eigentlich fröhlich, denn es wird getanzt, gesungen und gegessen. Jedoch ist die Henna Zeremonie selbst ein melancholischer Augenblick, bei dem die Frauen traurige Lieder singen und die Braut ihre Hennabemalung erhält. Der Ablauf der Kina gecesi kann je nach Region in der Türkei unterschiedlich ausfallen, aber alle Rituale dienen dem Wunsch, dass die Ehe der Braut glücklich, fruchtbar und reich sein möge.

Somit basieren viele der Rituale nicht auf islamischer Tradition, sondern entspringen viel mehr dem Aberglauben früherer Zeiten, in denen bestimmten Elementen (z.B. Henna) heilende Kräfte nachgesagt wurde und Farben mit Symbolik verwendet wurden, wie z.B. die Farbe Rot, welche für Fruchtbarkeit, Liebe und Wohlstand stand und heute noch steht.

Kina gecesi traditionell

Ursprünglich fand das Fest am Tag vor der Hochzeit im Hause der Brauteltern statt, wobei nur weibliche Familienmitglieder und Freunde der Familien eingeladen waren. Zu diesem Anlass trug die Braut ein “Bindallı”, eine Art Kaftan in Rot mit goldenen Verzierungen. Im Gegensatz zu Verlobung oder Hochzeit wurde bei der Kina gecesi nicht groß aufgekocht, sondern „nur“ Vorspeisen und Knabberzeug bereitgestellt und teilweise auch von den Gästen mitgebracht.

Zuerst feierten die Braut und ihre Familienmitglieder unter sich mit Musik und Tanz bis am späteren Abend die Bräutigamfamilie feierlich, von Musikanten (meist Davul Zurna) begleitet, mit dem mühevoll aufbereiteten und verzierten Henna und verschiedenen Speisen im Haus der Brauteltern eintrafen. Nach gemeinsamen Essen und Tanzen, begann die Hennazeremonie.

Hierfür wurde die Braut mit einem roten Tuch das mit Goldtalern verziert war verschleiert und von ihren Verwandten und Freundinnen, die brennende Kerzen in den Händen hielten in den Raum hereingeführt. Dabei ging die Schwester der Braut mit dem geschmückten Hennatablett voran, auf dem zwei Kerzen brannten (symbolisch für den Sohn und die Tochter, die man der Braut wünschte), gefolgt von der Braut die bei einer verheirateten und einer unverheirateten Verwandten/Freundin eingehackt war. Bis auf die Braut sangen alle Frauen traurige Lieder, die die Braut zum Weinen bringen sollten. In der Mitte des Raumes war eine Fläche für die Zeremonie rot geschmückt und mit einem verzierten Kissen vorbereitet, um die die Braut und ihre Begleiterinnen nun mindestens drei Mal herumliefen. Dabei versuchte man die Braut nach jeder Runde auf das Kissen zu setzen, diese stand aber wieder auf und ging noch einmal um das Kissen herum, bis die Braut (frühestens) beim dritten Mal sitzen blieb.

Dieses symbolische Zieren der Braut und auch das sie während der Zeremonie weinte gehörte zur Tradition, denn die Braut zeigte dadurch ihren Eltern, wie ungern sie diese verlässt, auch wenn sie nun ihren eigenen Weg geht. Ebenso beim Auftragen der Hennabemalung zierte sich die Braut und öffnete nicht sofort ihre Hände, sondern erst nachdem ihr die Schwiegermutter liebe Worte zusprach und ihr einen Goldtaler schenkte, den sie ihr dann in die nun geöffnete rechte Hand legte. Die Hennabemalung übernahm traditionell eine glücklich verheiratete Frau, was der zukünftigen Ehe der Braut Glück bringen sollte.

Meist wurde das Henna kreisförmig auf die Handinnenflächen aufgetragen, was man “Kuşgözü” nannte. Die mit Henna bemalten Hände wurden dann in Tücher eingewickelt und die Braut aufgefordert den Schleier abzulegen und zu tanzen, damit aus der melancholischen Stimmung schnell wieder eine fröhliche wurde. Ein beliebter Brauch war es, der Braut nun zu versuchen den Schleier zu „klauen“, denn wer dies schaffte, konnte bald auf eine eigene Hochzeit hoffen. Im Anschluss der Hennazeremonie wurde das Henna an die Gäste verteilt, die dadurch auch etwas von dem Glück der Braut bekamen und auch ins Haus der Bräutigamfamilie wurde etwas von dem Henna geschickt. Dort feierte nämlich der Bräutigam zeitgleich eine Art Junggesellenabschied mit seinen männlichen Verwandten und Freunden und erhielt mit dem Henna der Braut ebenfalls eine Hennabemalung, wobei meist die Fingerkuppe des kleinen Fingers bemalt wurde.

Kina gecesi heute

Auch wenn der Aberglaube heute nicht mehr die treibende Kraft ist, hat die Kına gecesi noch heute einen hohen Stellenwert in türkischen Familien und der Brauch wird weiterhin gelebt – eben nur zeitgemäßer. Deshalb wird heute der Henna Abend meist ein bis zwei Wochen vor der Hochzeit gefeiert und nicht am Abend zuvor. Das Fest findet auch nicht mehr im Haus der Brauteltern statt, sondern in einer gemieteten Location, wo meist ein DJ für Musik sorgt und beide Familien von Beginn an gemeinsam feiern und auch zusammen für das leibliche Wohl sorgen.

Gefeiert wird das Fest auch nicht mehr allein von den Frauen, auch Männer dürfen heute mitfeiern, wenn beide Familien einverstanden sind. Dabei können die Herren von Anfang an dabei sein oder sie nehmen in einem separaten Bereich/Raum an einem „Männertisch“ Platz bis sie am Ende der Hennazeremonie dazukommen dürfen, wenn auch der Bräutigam seine Hennabemalung erhält. Erst anschließend wird dann gemeinsam gefeiert und getanzt.

Auch für die Braut hat sich einiges geändert, zum Beispiel bei der Kleidung. Das traditionelle Bindallı wird heute nur noch zur Henna Zeremonie angezogen und den Rest des Abends kleidet sich die Braut in einem eleganten Abendkleid – ebenfalls gerne in Rot. Die Henna Zeremonie ist zwar weiterhin melancholisch und auch das symbolische Zieren der Braut gehört weiterhin dazu, doch kaum einer erwartet heutzutage von der Braut, dass sie weint, weil sie ihre Eltern “verlässt”. Im Gegenteil, wenn die partout nicht weint nimmt es mit Humor und nimmt die Braut einbisscchen aufs Korn.

In der Türkei hat sich zudem der Trend entwickelt, den Henna Abend mit dem Junggesellinnenabschied zusammenzulegen und gemeinsam mit den Freundinnen zu feiern – immerhin ist ein DJ schon da und für Verpflegung ist auch gesorgt. Warum also nicht?!

Kina gecesi Lieder

Die Lieder, “Kina türküleri” gennant, sind mündlich überliefert, daher gibt es keine Aufzeichnungen der ursprünglichen Texte. Alle Lieder vereint jedoch das sie von Abschied, Sehnsucht und Trauer handeln. Das ist wohl der Tatsache geschuldet, dass die Braut früher tatsächich ihre Familie verließ und zur Familie des Mannes zog, die meist in anderen Dörfern oder Orten lebten.

Welche Lieder gesungen werden ist von Region zu Region unterschiedlich, aber das wohl meist gesungene Henna Abend Lied “Yüksek yüksek tepelere” hat folgenden Text:

Yüksek yüksek tepelere ev kurmasınlar,
Aşrı aşrı memlekete kız vermesinler,
Annesinin bir tanesini hor görmesinler,
Uçanda kuşlara malum olsun,
Ben annemi özledim,
Hem annemi hem babamı,
Ben köyümü özledim.

Babamın bir atı olsa uçsa da gelse,
Annemin yelkeni olsa binse de gelse,
Kardeşlerim yollarını bilse de gelse,
Uçanda kuşlara malum olsun,
Ben annemi özledim,
Hem annemi hem babamı,
Ben köyümü özledim.

Sinngemäß wird besungen, dass die Braut nicht in die Ferne ziehen und man sie gut behandeln soll. Die Braut wiederum klagt von der Sehnsucht nach ihrer Familie und wünscht sich ihre Liebsten herbei. Ein sehr trauriges Lied, dass melodisch sehr schön klingt und mit dem traditioniell die Henna Zeremonie eröffnet wird.

 

Fotos: Evet ich will Styled Shoot mit Pink Pixel Photography

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