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Gayret Kemeri ~ was tatsächlich hinter dem Hochzeitsbrauch des roten Brautgürtels steckt

26.05.2013 | 9 Kommentare

Ich erhalte immer wieder Mails zum “roten Brautgürtel”, ein rotes Band, welches bei türkischen Hochzeiten der Braut traditionell am Hochzeitstag während der Brautabholung umgebunden wird. Für einen Großteil der Leute hat dieses rote Band nur eine Bedeutung, nämlich die Garantie für die Jungfräulichkeit der Braut und so scheiden sich bei dieser Tradition viele Geister. Manche Bräute lehnen es ab, weil sie “nicht zur Schau gestellt werden” wollen, manche fragen mich, wie schlimm es ist, wenn sie ihn nicht tragen, ob dann die Familie beleidigt sein wird und andere protestieren gegen diese – aus ihrer Sicht – symbolische Unterdrückung der Frau. Ich bin dann immer wieder sehr traurig darüber, dass eine wundervolle Hochzeitstradition auf eine einzige Bedeutung reduziert wird und deshalb so in die Kritik gerät. Ich bin ein Verfechter der Tradition des Brautgürtels, ich finde er hat eine einzigartige Symbolik und der Moment, wenn der Gürtel umgebunden wird ist ein so wunderschöner, emotionaler Augenblick. Ich mag diesen Brauch, weil ich dessen Ursprung und wahre Bedeutung kenne, von denen aber heute leider kaum einer mehr etwas zu wissen scheint.

Im Volksmund heißt das Band “Gelin kemeri”, also Brautgürtel, doch der eigentliche Name ist “Gayret kemeri” und dieser verrät schon worum es bei dieser Tradition ursprünglich ging. Gayret bedeutet übersetzt Eifer, Hingabe Fleiß, Strebsamkeit. Früher waren die Töchter ein wichtiger Indikator für die Kultiviertheit der Familie. Wer anständige, fleißige und gebildete Töchter hatte, wurde respektiert und war angesehen. Das Ansehen der Familien war wichtig, denn in der türkischen Kultur ist es noch heute so, dass nicht nur zwei Menschen heiraten, sondern man auch deren Familien und ihr Ansehen “mitheiratet” und so prüfte man sich, bevor man sich ewig band… Um also eine gute Partie für die Töchter zu finden, achtete man besonders auf deren Erziehung, Bildung und Benehmen. Wenn ein Mädchen dann heiratete wurde ihr der Gayret kemeri zum Symbol ihrer guten Erziehung, ihres guten Charakters und ihrer Bereitschaft eine gute Tochter und Ehefrau zu sein umgebunden. Man gab als Brautfamilie damit ein Versprechen an die Bräutigamfamilie, sein Bestes gegeben zu haben und eine gute Tochter zu übergeben und natürlich gehörte auch die Jungfräulichkeit der Braut dazu (wobei es damals auf der ganzen Welt üblich war, jungfräulich in die Ehe zu gehen). 
Das eigentlich besondere am Gayret kemeri ist jedoch die Zeremonie des Umbindens, am Tag der Hochzeit. Als Oberhaupt der Familie wäre es die Aufgabe des Vaters, den Gürtel umzubinden, aber er kann und will es nicht, denn die Tochter aus dem Elternhaus zu entlassen ist der schwierigste Moment im Leben der Eltern. Daher übernimmt der Bruder oder ein Onkel der Braut diese Aufgabe und bindet der Braut den Gürtel um. Jedoch nicht sofort, denn – wie gesagt – es ist schwer sie gehen zu lassen. Er bindet die Schleife und löst sie wieder, bindet und löst sie wieder, bindet und löst sie wieder – langsam und insgesamt drei Mal, bis er die Schleife endgültig fest bindet. Anschließend nimmt er die Hände der Braut und legt sie in die Hände des Bräutigams, womit er die Verantwortung für ihr zukünftiges Leben symbolisch in seine Hände legt. 

Ich habe vielen meiner Bräute und sogar einigen Eltern die Tradition des Gayret kemeri erklären müssen, da nun mal die meisten nur die “reduzierte” Bedeutung kennen. Nach den Erklärungen hatten alle eine ganz andere Bindung zu diesem Brauch und waren oft gerührt. Sie erlebten dadurch am Hochzeitstag diesen Brauch und das Ritual ganz anders, viel emotionaler, viel bewußter und die Bräute trugen ihr Gayret kemeri voller Stolz – so wie es einmal gedacht war. 
Bräuche sind in alten Zeiten entstanden, aber alt heißt nicht gleich altbacken. Schade ist nur, wenn im Laufe der Jahre das Gesamtbild vergessen wird und nur noch Fragmente erhalten bleiben. Wenn man den Brauch des Gayret kemeri in seiner ursprünglichen Art betrachtet ist es ein berührendes Ritual. Ich finde es schön, dass die Familie mit dem Band symbolisieren kann, dass sie für ihre Tochter das Beste gegeben haben und nun das gleiche vom Ehemann erwarten. Das dieser mindestens genauso toll wie die Braut sein muss, versteht sich von selbst und muss glaub ich nicht erwähnt werden :)

Ich sagte ja schon, ich bin eine Verfechterin dieses Brauches, so wie ich es bei vielen anderen schönen und sinnvollen Bräuchen bin. Das hat einen ganz simplen Grund. Eine Hochzeit lebt von Momenten, Symbolik und Zeremonien. Stellt Euch eine Hochzeit ohne Gelübde, Ringetausch und Jawort vor, wie undramatisch und emotionslos wäre das? Es wäre eine stinknormale Feier, nichts besonderes. Es sind immer die Bräuche und Rituale, die magische und emotionale Momente entstehen lassen, an die man sich dann später ganz besonders gern erinnert. Also lasst sie Euch nicht wegnehmen. Erkundigt Euch, wie ist der Brauch entstanden, welcher Sinn steckt dahinter und wenn ihr es dann tatsächlich doof findet, lasst es weg. Findet ihr es aber gut, dann setzt es auf Richtige und schöne Art und Weise um, damit Ihr später Euren Kindern davon erzählen könnt ;)

Pinar

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  • Duygu sagt:

    Liebe Pinar,
    ein wunderbarer Artikel, ruehrend und informativ zugleich! Ich liebe diesen Blog und es sind Eintraege wie dieser, die mich daran erinnern, warum! <3
    Mein Freund und ich sind gerade in der Phase, in der sich die Familien kennenlernen. Bald wird um meine Hand angehalten werden. Ich bin total aufgeregt und freue mich darauf, mich im gesamten Prozess von diesem Blog inspirieren zu lassen!
    Beste Gruesse und keep on the good work!
    Duygu

  • pinar sagt:

    Liebe Duygu,
    vielen lieben Dank für Deine wundervollen Worte, ich hab mich so sehr darüber gefreut!!
    Was für eine spannende und aufregende Zeit für Euch! Genießt es und haltet es fest – denn davon erzählt man später den Enkelkindern :)
    Ganz liebe Grüße, Pinar

  • Kristina sagt:

    Liebe Pinar,
    ich lese sehr gerne deinen Blog (und habe mir für meine Hochzeit vor ein paar Wochen viel Inspiration geholt ;) ) und bin auch trotz nicht-türkischer Abstammung und sehr an den Traditionen interessiert.
    Ich muss auch gestehen, dass ich mich zwar immer gefragt habe, was hinter dem schönen roten Gürtel steckt, ich das aber auch nur mit dem von dir angesprochenen “Unterdrückungsklischee” in Verbindung gebracht habe.
    Jetzt, da ich deinen wunderschönen Post gelesen habe, finde ich diesen Braut ebenso wunderschön wie rührend. Das hast du ganz wunderbar geschrieben, vielen Dank dafür.

    Mach weiter so!
    LG, Kristina

  • pinar sagt:

    Liebe Kristina,
    oh wie toll!! Alles Gute nachträglich zur Vermählung! :)
    Ich freue mich sehr, dass Du für Euren großen Tag hier Inspiration gefunden hast und wie schön, dass Du weiter vorbei schaust!
    Aber vor allem Danke für Deine lieben Worte, sie haben mich sehr happy gemacht!!!
    Ganz liebe Grüße, Pinar

  • Büsra sagt:

    Das ist voll schön geschrieben ab jetzt werde ich es immer lesen obwohl ich erst 15 bin interessiert es mich sehr und dazu lernt man auch die eigene Kultur besser Danke das du so etwas machst und ich habe noch eine Frage hast du vielleicht eine App wo man das alles wunderschönes lesen kann ?
    Ganz liebe Grüße Büsra

  • pinar sagt:

    Hallo Büsra, leider noch nicht, aber ist eine gute Idee :)

  • Mina sagt:

    Hallo liebe Pinar + danke für diesen tollen Text. Meine Hochzeit steht bevor und auch ich habe mich mit diesem Thema auseinander gesetzt, nun mit deinen Worten und dieser Bedeutung, werde ich sehr stolz sein, diese Schleife tragen zu dürfen! Danke dafür!! Ich war sehr gerührt…

  • S. sagt:

    Schöner und informativer Beitrag! LG :)

  • pinar sagt:

    Vielen Dank! LG :)